Modul 11
Allyship & Zivilcourage
Nicht wegsehen, wenn andere abgewertet, bedroht oder ausgegrenzt werden – aber wie geht das, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen? In diesem Modul geht es um Zivilcourage, Verbündet-Sein („Allyship“) und Verantwortung in Alltagssituationen. Die Jugendlichen lernen, diskriminierende, verletzende oder gefährliche Situationen bewusster wahrzunehmen und erarbeiten konkrete, realistische Handlungsoptionen – von leisen Interventionen bis hin zum aktiven Einschreiten mit Unterstützung.
Für wen ist dieses Modul geeignet?
- Klassen ab Jahrgang 7
- Sek I & Sek II
- Berufsschulklassen
- Projekt-, Präventions- und Demokratietage
- Schulsozialarbeit & Jugendhilfe
Der Inhalt wird jeweils altersgerecht angepasst (Sprache, Beispiele, Tiefe).
Worum geht es in diesem Modul?
Viele Jugendliche wissen im Kopf, dass Wegsehen nicht ideal ist – und gleichzeitig ist das Gefühl „Ich will helfen, aber ich traue mich nicht“ sehr präsent. Zivilcourage wird oft als heroische Einzelaktion dargestellt, dabei besteht sie in der Realität häufig aus kleinen, aber wichtigen Schritten: nicht mitlachen, Partei ergreifen, Hilfe holen, Betroffene später ansprechen.
Dieses Modul setzt genau hier an:
- In welchen Situationen wäre Zivilcourage gefragt – und wie sieht das konkret aus?
- Was hält mich davon ab, etwas zu sagen oder zu tun (Angst, Unsicherheit, Gruppendruck)?
- Was bedeutet es, „Ally“ zu sein – also Verbündete:r für Menschen, die gerade weniger Macht haben?
- Welche Handlungsmöglichkeiten habe ich, die realistisch, sicher und trotzdem wirksam sind?
Es geht nicht darum, jemanden zu „Held:innen“ zu machen, sondern darum, praktische, erreichbare Schritte der Zivilcourage aufzuzeigen und das Gefühl zu stärken: „Ich bin nicht machtlos.“
Was passiert konkret im Workshop?
Der Workshop nutzt realitätsnahe Situationen und fokussiert auf das, was für die Gruppe tatsächlich machbar ist. Ein möglicher Ablauf (für ca. 90 Minuten):
1. Ankommen & Einstieg (10–15 Min)
- Anonyme Abfrage: „Ich habe Situationen erlebt, in denen eigentlich jemand Hilfe gebraucht hätte, aber …“
- Sammlung von Situationen (z. B. Mobbing auf dem Pausenhof, abwertende Sprüche, rassistische Kommentare, sexistische Witze, digitaler Shitstorm).
2. Situationen erkennen & benennen (15–20 Min)
- Kurzinput: Was sind Situationen, in denen Zivilcourage gefragt sein kann?
- Kleingruppen:
- Auswahl von 2–3 typischen Szenarien aus der Sammlung.
- Fragen: „Was passiert hier genau? Wer ist beteiligt? Wer hat welche Macht?“ - Sichtbarmachen von Täter:innen, Mitläufer:innen, Zuschauenden, Betroffenen.
3. Hindernisse & Gefühle (20–25 Min)
- Arbeit mit Leitfragen:
- „Was hält dich (ehrlich) davon ab, einzugreifen?“
- „Wovor hast du Angst?“ - Sammlung typischer Hindernisse: Angst vor Spott, selbst Ziel zu werden, „falsches“ Eingreifen, Stress mit Freund:innen, Unsicherheit.
- Kurzinput: Es gibt keine perfekte Zivilcourage – aber viele hilfreiche Versuche.
4. Konkrete Handlungsoptionen (20–25 Min)
- Einführung eines einfachen Zivilcourage-Toolsets, z. B.:
- Direkt: klar widersprechen, Thema wechseln, Spruch zurückspiegeln, sich neben Betroffene stellen.
- Indirekt: Hilfe holen, Lehrkräfte / Vertrauenspersonen informieren, später nachfragen, Beweise sichern (z. B. Screenshots).
- Unterstützend: Betroffene nach der Situation ansprechen, zuhören, gemeinsam nächste Schritte überlegen. - Kleingruppen entwickeln für ausgewählte Szenarien mindestens drei realistische Möglichkeiten, zu reagieren – je nach Persönlichkeit und Risiko.
- Vorstellung im Plenum, Sammlung in einer „Zivilcourage-Ideenbox“ der Klasse.
5. Abschluss & Transfer (5–10 Min)
- Freiwillige Reflexion: „Ein Satz oder eine Idee, die mir Mut macht, beim nächsten Mal nicht einfach wegzusehen.“
- Hinweis auf Anschlussmodule (z. B. Sprache & Abwertung, Gruppendruck, Konflikte).
Bei längeren Formaten (Tagesprojekt/Projektwoche) sind Vertiefungen möglich:
- Rollenspiele mit verschiedenen Eskalations- und Deeskalationsvarianten
- vertiefte Auseinandersetzung mit Diskriminierungsformen (z. B. Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit, Ableismus – je nach Kontext)
- Entwicklung einer Klassen-/Schulvereinbarung zu Zivilcourage und Meldestrukturen
- Einbindung von bestehenden schulischen Strukturen (Vertrauenslehrkräfte, Schulsozialarbeit, Beschwerdestellen).
Was lernen die Teilnehmenden?
Fachlich & inhaltlich:
- Sie verstehen, was Zivilcourage im Alltag bedeuten kann – jenseits von Held:innenbildern.
- Sie erkennen Situationen, in denen Menschen Unterstützung brauchen, klarer.
- Sie unterscheiden verschiedene Rollen (Täter:in, Mitläufer:in, Zuschauer:in, Betroffene:r, Verbündete:r).
Sozial & emotional:
- Sie setzen sich mit ihren eigenen Ängsten und Grenzen in solchen Situationen auseinander.
- Sie erleben, dass Unsicherheit normal ist – und trotzdem Handlungsspielräume existieren.
- Sie entwickeln Empathie für Betroffene von Abwertung, Ausgrenzung oder Angriffen.
Haltung & Verantwortung:
- Sie reflektieren, dass Wegsehen und Mitlachen Teil des Problems sind – nicht neutral.
- Sie erkennen, dass kleine Schritte (nicht mitlachen, Thema wechseln, später unterstützen) bereits Zivilcourage sind.
- Sie entdecken, dass sie Verantwortung übernehmen können, ohne sich selbst zu überfordern oder zu gefährden.
Methoden & Materialien
Das Modul arbeitet mit:
- anonymen Erfahrungs- und Situationsabfragen
- Kleingruppenarbeit zu Fallbeispielen
- moderierten Diskussionen über Hindernisse & Ängste
- Entwicklung konkreter Handlungsoptionen und „Wenn–dann“-Pläne
- optional Rollenspielen in kleinem, geschütztem Rahmen
Materialien (wie bei allen Modulen, konkretisiert):
- Infomaterialien zu Zivilcourage, Rollen im Geschehen und sicheren Interventionsformen
- Sticker / visuelle Reminder mit Botschaften wie „Hinsehen ist Haltung“ oder „Leise Hilfe ist auch Zivilcourage“
- Gruppenarbeitsmaterialien
Alle Materialien sind ermutigend, nicht moralisierend und berücksichtigen unterschiedliche Temperamente und Sicherheitsbedürfnisse.
Mögliche Einsatzformate
90-Minuten-Workshop
– als Einstieg in Zivilcourage, Demokratietage, Anti-Mobbing- und Diversity-Projekte.
Halbtages- oder Tagesprojekt
– mit vertieften Rollenspielen, stärkerer Arbeit an Haltungsfragen und konkreter Entwicklung von Klassen-/Gruppenvereinbarungen.
Projektwoche / Themenwoche
– als Modul in Projekten zu Demokratiebildung, „Schule ohne Rassismus“, Gewaltprävention oder Schulentwicklung (z. B. „Schule als sicherer Ort“).
Typische Kombinationen mit anderen Modulen
Für Demokratietag / Schule als sicherer Ort:
Modul 5 – Sprache, Respekt & Abwertung
Modul 6 – Sexismus & Geschlechtergerechtigkeit
Modul 11 – Allyship & Zivilcourage
Für Anti-Mobbing- & Klassengemeinschafts-Projekte:
Modul 3 – Selbstwert & innere Stärke
Modul 7 – Freundschaft, Gruppendruck & Loyalität
Modul 11 – Allyship & Zivilcourage
Für Gewaltpräventions- und Konfliktprojekte:
Modul 7 – Freundschaft, Gruppendruck & Loyalität
Modul 8 – Konflikte, Kränkung & Gewalt
Modul 11 – Allyship & Zivilcourage